Es gibt Alternativen!

28.02.2019   Badische Zeitung
Wohnungsbau auf Dächern (pdf)

Nach Berechnungen der Technischen Universität (TU) Darmstadt liegen auf den Dächern von Supermärkten, Parkhäusern, Büro- und Wohngebäuden noch gewaltige Potenziale. “2,3 bis 2,7 Millionen Wohnungen könnten in Deutschland neu entstehen, wenn die vorhandenen innerstädtischen Bau-Potenziale intelligent und konsequent genutzt werden”, sagt Studienleiter Karsten Tichelmann.

Kommentar von Martin Synowzik
Ob man etwas aufstockt oder lieber abreißt und neu baut, wird man im Einzelfall entscheiden müssen. Es muss aber ein Umdenken her. Weg vom fragwürdigen Ökofirlefanz mit Fassadenbegrünung und goldenem Wärmetauscher in der Kanalisation hin zu flächeschonendem, einfacherem und nur deshalb bezahlbarerem Wohnraum mit durchaus hoher Lebensqualität. Diese Lebensqualität kommt doch nicht durch Solarzellen auf dem Dach oder von Echtholztüren! Sie kommt viel eher durch eine gesunde soziale Durchmischung und guten Lebensräumen im öffentlichen Bereich. Monokultur sollte man nicht nur in der Landwirtschaft vermeiden. Flächenschonend wird man auch nur mit einer gewissen Höhe hinbekommen. Selbst in Landwasser gibt es noch Gemeinschaftsgaragen, die man abreißen könnte und als Tiefgarage mit neuem Hochhaus wieder aufbauen könnte. Hunderte von Wohnungen ohne zusätzlichen Flächenbedarf. Warum verpassen wir diese Chancen?
Für mich ist hier der Punkt an dem Freiburg die 40 Prozent Gegenstimmen beim Dietenbach Entscheid berücksichtigen muss.

16.02.2019   B.Z. Berlin
Berliner Senat will Wohnungen auf Schulen bauen

Beim geplanten Neubau von Schulen sollen Appartements auf die Gebäude aufgesetzt werden. Wohnungen über Berliner Aldi-Märkten sind bereits im Bau. Jetzt will der Senat auch auf den Dächern von Schulen Appartements schaffen.

Alternativen zur “grünen Wiese”: hier die 20 Vortragsfolien von Autor Daniel Fuhrhop (01.02.2019, Universität, HS 1015)

08.02.2019   rdl, Radio Dreyeckland
Neubaugegner Daniel Fuhrhop über Alternativen zum Bauen auf der “grünen Wiese”

Ein Gespräch mit Daniel Fuhrhop (12:48 min)

Uta  Hassler, Niklaus Kohler
Umbau

In diesem Beitrag wird die These vorgetragen, dass Thema der Zukunft – und eines ressourcenschonenden Wirtschaftens – nicht der, wie auch immer optimierte, Neubau sein wird, sondern im Zentrum unseres Denkens und Handelns der Bestand stehen muss – und der Umbau dessen, was schon existiert.


Eine Bemerkung vorneweg: kaum haben wir das Wort “Leerstand” oder “Aufstockung” ausgesprochen, tönt es aus allen Kanälen: geht nicht!! (Nicht sein kann, was nicht sein darf!)
Wieso eigentlich nicht? Wieso nicht versuchen? Wo ein Wille, da ein Weg. Dietenbach brächte (wenn es denn überhaupt je käme) 8 Jahre lang, nämlich bis 2026, wie viele Wohnungen? Null. Und ab 2026 nur ein paar 100 jährlich. Die Alternativen dagegen bringen ab sofort mehr und teils bezahlbare Wohnungen und haben das Potenzial von Dietenbach und hätten “Dietenbach” an Anzahl etwa erreicht, wenn dort noch gar nichts fertig ist. Ganz davon abgesehen, dass gefragt werden muss, ob beim Stadionprojekt alles getan wurde, Wohnbau-Alternativlösungen in die Betrachtung und Berechnungen einzubeziehen.

Ohne eine Dietenbach-Bebauung stünden Bauwirtschaft und Handwerk zur Verfügung, um nach und nach z. B. sehr viele Gebäude aufzustocken für mehr Wohnraum UND günstige Mieten, wie es die Stadtbau bereits in der Belchenstr. 2018 realisiert hat – ohne öffentliche Mietförderung! Sie stünden zur Verfügung, um die vielen anderen Alternativen sowie den klimaschützenden Umbau des Gebäudebestands zu realisieren.

Dietenbach ist nicht alternativlos, sondern bei näherer Betrachtung überflüssig. Die Wohnalternativen wurden bereits erstellt, werden gerade gebaut oder sind in Planung: in den Jahren 2015 bis 2017 wurden ca. 4.000 Wohnungen in Freiburg gebaut. Für den Zeitraum 2018 bis ca. 2030 ist die Erstellung weiterer ca. 14.000 bis ca. 17.000 neuer Wohnungen bereits geplant – Quelle: Werkstattbericht des RegioBündnis’ sowie Gemeinderatsdrucksache G-17/230, die im November 2017 dem Gemeinderat zwar vorgelegt, jedoch erst am 27.11.2018 im Gremium behandelt wurde. Weil die großen Zahlen nicht zu den politischen Zielen passen?

Hier die Ergebnisse aus unserem Werkstattbericht (Stand 09.12.2018) im Diagramm dargestellt:#

Zu diesem enormen “Sowieso”-Potenzial addieren sich die Alternativen:
– Leerstand mindern – wieso z. B. steht seit bald einem Jahr in der Adlerstr. 2 eine Wohnung der Stadtbau leer? Und hier eine lange Liste leerstehender Wohnungen, gefunden auf der Seite des SPD-Ortsvereins Stühlinger
– gegen Zweckentfremdung vorgehen,
– gegen illegale Fewos und airbnb vorgehen (siehe Exkurs 1),
– Wohnbau statt Hotelbau,
– Wohnbau statt Bau von Luxus-Studierenden-Appartements,
– Reaktivierung von Einliegerwohnungen,
– gebäudeinterne Umbauten, Wohnungen verkleinern,
– Ausbau Dachgeschosse (siehe Exkurs 5),
– Aufstocken: vorrangig Häuserblocks von Genossenschaften und Stadtbau, auch Gebäude von Industrie und Handel/Wohnen auf Gewerbe (siehe Exkurs 2 unten); Umwandlung von Gewerbe- in Mischgebiete
– zusammenziehen, zusammenrücken (sofern es zuhause nicht schon zu eng ist …),
– praktische und finanzielle Unterstützung bei Umziehen/Tausch (siehe Exkurs 3 unten),
– Wohnen für Hilfe,
– Baulücken schließen, behutsam und baulich attraktiv,
– Parkplätze be‐ oder überbauen, besser parken (siehe Exkurs 4 unten) – Lebensraum statt Parkraum: Im öffentlichen Raum parken nahezu keine privaten Autos mehr (konsequentes Parkraummanagement macht Parken in den Städten teurer),
– An-/Umbauten,
– mehr in die Höhe gehen,
– Umbau von Gewerbegebieten in urbane Quartiere,
– Rückbau von überdimensionierten Verkehrsflächen,
– gemeinschaftlich genutzte Räume (z. B. Waschhaus, Werkstätten) reduzieren den Wohnflächenbedarf pro Kopf und den Ressourcenverbrauch und verbessern das Zusammenleben,
– Trennungswirkung durch Verkehrsachsen (gilt auch für ÖV) wird aufgehoben oder gemildert
– Dezentralisierung
–  etc.
jährlich entstehen bereits ohne Dietenbach in Freiburg ca. 800 Neubauwohnungen! Und das, obwohl das Statistische Landesamt Baden-Württemberg für Freiburg für den Zeitraum 2020 bis 2035 ein Stagnieren der Bevölkerungszahl bei ca. 236.000 prognostiziert ! (zum Vergleich: Ende 2017 waren es 229.636)

Parkplatz-Eldorado im Industriegebiet Haid-Süd, 2018
(Aufnahme: Susanne Schlatter)

Auch wird zukünftig die unvermeidliche Reduktion des Autoverkehrs Flächengewinne erbringen.

Exkurs 1; Ferienwohnungen: Uhldingen am Bodensee vergibt keine Genehmigungen mehr für neue Ferienwohnungen.

Exkurs 2, Aufstocken von Gebäuden: Die Novellierung der Landesbauordnung (LBO) 2018 trägt zur Erleichterung der Aufstockung zur Schaffung von Wohnraum bei (§§ 35, 37 LBO). “Durch Aufstockungen oder ähnliche Maßnahmen (Anbau, Ausbau, Nutzungsänderung, Wohnungsteilung) werden keine neuen Anforderungen an die Barrierefreiheit im Gebäude und die Anzahl von Fahrrad- und Kfz-Stellplätzen ausgelöst.”

Beispiel Berlin: Auf den Dächern gibt es jede Menge Platz – und spektakuläre Aussichten. Dort will ein ein Start-up nun Mikrohäuser bauen.
Auf Berliner Dächern sollen Mikrohäuser entstehen

Weiter unten auf dieser Seite geht es weiter mit vielen Beispielen zu diesem Thema, auch aus Freiburg.

Exkurs 3, Wohnungstausch: “Mancher könnte zwar auf ein oder zwei Zimmer verzichten, zahlt aber für eine große Wohnung dank eines alten Vertrags wenig Miete und eine Wohnung mit weniger Fläche würde mehr kosten. Wie es anders geht, zeigt die LEG Wohnen in Nordrhein-Westfalen: Wer aus einer ihrer 130.000 Wohnungen in eine kleinere umzieht, behält den Quadratmeterpreis der früheren Wohnung. Wenn das bei allen Wohnungsunternehmen so wäre, würden mehr Menschen umziehen und dadurch Platz für andere freimachen.” (Zitat Daniel Fuhrhop).

Warum denn nicht auf der Homepage der Stadt Freiburg eine private Wohnungstausch-Börse einrichten? Wie hier vorgeschlagen …

Exkurs 4, besser parken: Der LNV macht einen guten Vorschlag zur Novellierung der Landesbauordnung (LBO) 2018 bei Abs. 1a, nämlich eine Vorschrift für mehrstöckiges Parken bei Parkierungsanlagen im gewerblichen, Handels- und Wohnbereich ab 20 Stellplätzen. “Dies könnte den exorbitanten Flächenverbrauch für ebenerdige Parkplätze begrenzen.”

Exkurs 5: Im Oktober 2018 kündigte die Stadtverwaltung ein neues Holz-Förderprogramm an. Aber bereits im Januar 2019 sind die guten Vorsätze abgeschmolzen auf einen mickrigen Rest: lediglich 3.500 € Förderung für eine von privat unter dem Dach geschaffene neue Wohnung, keine Förderung für Neubauten in Massivbauweise, dafür aber, man ahnt es bereits, der obligate Preis für “Leuchtturmprojekte” aus Holz. Eine Potentialanalyse plant man nicht und die CDU im Gemeinderat bremst: Dachgeschossausbau mit Holz liefere “ideologischen Wohnraum”!
22.11.2019: Im Amtsblatt heißt es, “Fachleute der Stadtplanung und Architektur” hätten eine Potenzialanalyse für Dachausbau und Dachaufstockung erstellt. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass dadurch in Freiburg rund 1.800 bis 3.200 neue Wohneinheiten entstehen könnten (durch höhere Sanierungsquote aufgrund von Förderanreizen auch mehr).

Ein Freiburger Immobilienunternehmen hat die Zeichen der Zeit erkannt und schon vor geraumer Weile  die Geschäftsidee TauschKauf entwickelt: “Die angespannte Wohnraumsituation in und um Freiburg bietet oft nur wenige Möglichkeiten, wenn der Wunsch nach Verkleinerung oder Vergrößerung besteht … Das Interesse an unserem TauschKauf-Service ist groß, fast wöchentlich melden sich Eigentümer bei uns …”

August 2020: Mit dem seit Jahren erfolgreichen RAUMTEILER-Programm verfolgen die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung, der Städtetag Baden-Württemberg, große und kleine Kommunen, viele Ehrenamtliche und immer mehr Vermieterinnen und Vermieter ein gemeinsames Ziel: mehr privaten Wohnraum zu vermitteln und damit einen entscheidenden Beitrag zur Integration zu leisten. Karlsruhe, Offenburg, Waldkirch, Emmendingen, Lörrach sind dabei – warum Freiburg nicht?

Auch Stuttgart macht vor, dass was geht, wenn nur der politische Wille da ist: Die Stadt will mit einem Förderprogramm versuchen, Wohnraumreserven zu erschließen (SZ 08.02.2019).

Und was macht die Stadt Freiburg? Nichts. Sie träumt weiterhin den schönen Traum von Dietenbach. Lediglich im Rahmen der Online-Beteiligung 5/2018 zur Fortschreibung des Klimaschutzkonzepts der Stadt wird diese Problematik, besser gesagt dieses Potenzial berührt – angedacht wird, eine „Aktionsstelle zur effizienten Wohnraumnutzung“ einzurichten. „Die Mitarbeiter_innen der Kompetenzstelle haben die Aufgabe, Aktionen, Maßnahmen, Projekte usw. durchzuführen, die dazu führen, die vorhandenen Wohnfläche effizienter zu nutzen, sprich die Pro-Kopf-Wohnfläche zu verringern (wenn diese sehr groß ist) und damit letztendlich Neubauvorhaben zu vermeiden. Sie sensibilisieren die Bevölkerung und die Politik zu diesem Thema, sowohl im Gebäudebestand als auch im Neubau und führen entsprechende Öffentlichkeitsarbeit durch.
Sie unterstützen z.B. Bewohner_innen großer Wohnungen und Häuser oder Eigentümer_innen von Häusern mit ungenutzten Einliegerwohnungen bei der Suche nach geeigneten (Unter-)mieter_innen, beraten zu gemeinschaftlichen und generationenübergreifenden Wohnprojekten und zum Wohnungstausch, Wohnbörsen und zu damit zusammenhängenden rechtlichen Fragen.
Sie bieten gemeinsam mit anderen Einrichtungen konkrete Unterstützung bei Umzug, Entrümpelung, Vermietungsmanagement, usw. an.“ (Quelle)

Diese Alternativen zusammengenommen ergeben ein weiteres Potenzial von geschätzt 8.000 bis 11.000 Wohnungen.

Würden auch die vorgenannten Potenziale ausgeschöpft (oder zumindest angegangen), so könnten also bis 2030 weitaus mehr als 17.000 Wohnungen entstehen. Ganz ohne Dietenbach! Laut Rüdiger Engel, Leiter der Planungsgruppe Dietenbach, fehlen bis 2030 14.000 bis 15.000 Wohnungen (18.7.2018, Ortschaftsrat Lehen). Na also, die sind ja ohne Dietenbach, ohne Zähringen Höhe machbar.

Man darf sich auch ruhig einmal fragen, warum die Stadt nichts unternimmt, um die pro Jahr frei werdenden ca. 7.000 Wohnungen (!) vorrangig an Langzeitsuchende zu vermitteln.

Was wir anprangern ist, dass die Stadt bei der Entscheidung für das Baugebiet Dietenbach ausschließlich Möglichkeiten der Außenentwicklung geprüft hat. Wege, den Zweck der Maßnahme (Wohnraum für die wachsende Bevölkerung zu schaffen) durch Innenentwicklung zu erfüllen, wurden und werden nicht ins Auge gefasst. Ebensowenig all jene oben aufgeführten Alternativwege. Warum nicht? Wo ist die umfassende Potenzialanalyse konzeptueller sowie baulicher Maßnahmen, die zu dem Schluss kommt, dass die Innenentwicklung als Alternative ausgeschlossen werden muss? Im Gegenteil: Wir erkennen hohes Potenzial darin, Parkplätze wie im Behördenviertel Herdern zu be‐ oder überbauen, zu Dachgeschossausbauten und Aufstockungen zu informieren und dafür zu werben, Leerstände und Ferienwohnungen zu erfassen und zu minimieren (BZ 29.6.2018: “Die Stadt geht davon aus, dass es in Freiburg 900 Ferienwohnungen gibt. Registiriert sind 310.”) sowie für alternative Wohnkonzepte und Wohnungsumbauten zu sensibilisieren und diese jeweils zu fördern. Es wäre etwa denkbar – ähnlich den erfolgreichen Energiesparberatungen –, Beratungen zum Wohnungsumbau zu fördern oder Wohnen für Hilfe in den Fokus zu nehmen. Und vieles mehr, der Phantasie sind  keine Grenzen gesetzt.

FFH-Wiesen im Dietenbach (Aufnahme: Susanne Schlatter)

Der Verstoß gegen Bundesbaurecht wird stillschweigend in Kauf genommen, denn laut BauGB-Novelle von 2013 gilt der Grundsatz Innen- vor Außenentwicklung (§ 1 Abs. 5 BauGB). Durch dieses Leitbild sollen ein „Flächenfraß in örtlichen Randlagen“, wie das Umweltbundesamt ausführt, gerade verhindert und wertvolle Bodenressourcen erhalten werden. Gleichzeitig verlangt die Bodenschutzklausel in § 1a Abs. 2, dass “mit Grund und Boden […] sparsam und schonend umgegangen werden soll und Bodenversiegelungen auf das notwendige Maß zu begrenzen sind. Überdies ist eine erhebliche Beeinträchtigung des Landschaftsbildes” bei Baumaßnahmen zu vermeiden (§ 1a Abs. 3).

Die Grünen in Freiburg hingegen votieren immer noch für den Bau des neuen Stadtteils. Was recht verwunderlich ist, schließlich wurde auf der Landesdelegiertenkonferenz der Grünen (6./7.10.2018, Konstanz) unter dem TOP Wohnen beschlossen: “Innenentwicklungspotentiale wollen wir noch besser nutzen, indem bestehende Bebauungspläne im Sinne einer vertikalen Siedlungsentwicklung überarbeitet werden. So kann höher gebaut werden, bereits versiegelte Fläche wird besser genutzt und bestehende Gebäude können flächensparend aufgestockt werden. Mehrgeschossiges Parken oder die Aufstockung von einstöckigen Gewerbeimmobilien mit Wohnungen soll zur Selbstverständlichkeit werden.” Oh, da wüssten wir viele geeignete einstöckige Gewerbeimmobilien  – fragen Sie gerne bei uns nach, wenn Sie Input brauchen. Vielleicht haben die Grünen in Freiburg da aber auch was falsch verstanden? Sie sprechen nämlich, anstatt von vertikaler Siedlungsentwicklung, von vertikaler Begrünung (siehe Amtsblatt 28.9.2018) …

Auf derselben grünen LDK wird das Projekt 10 “Landesoffensive zur Aufstockung von Gebäuden” beschlossen: “Laut einer Potentialanalyse der TU Darmstadt können in Baden-Württemberg 267.000 Wohnungen durch Aufstockung bestehender Gebäude neu geschaffen werden … In der Landesbauordnung werden wir Dachausbauten und Aufstockungen erleichtern … außerdem wollen wir auch für Aufstockungen das vereinfachte Baugenehmigungsverfahren nach dem Vorbild von Rheinland-Pfalz einführen. Wir wollen ein Förderprogramm für Dachausbauten und Aufstockungen für private Hausbesitzer*innen und kleine und mittlere Wohnungsunternehmen, beispielsweise mit der landeseigenen Förderbank L-Bank, auf den Weg bringen.” Man könnte meinen, sie haben von unserer Website abgeschrieben … Die Einwohnerzahl Baden-Württembergs lag am 30. September 2017 bei 11.010.202 Personen, diejenige der Stadt Freiburg Ende 2017 bei 229.636. Nach der Potentialanalyse der TU Darmstadt könnten also in Freiburg (in Relation zur Einwohnerzahl) 5.569 Wohnungen durch Aufstockung bestehender Gebäude neu geschaffen werden! Aber die Grünen in Freiburg ficht das alles nichts an, sie verfolgen weiter den überdimensionierten Neubau auf der grünen Wiese … Cui bono?

Potenzial für 2 Mio. Wohnungen im Bestand (Quelle: Holz-Zentralblatt (18.02.2019))
Wissenschaftler der TU Darmstadt und des Pestel-Instituts in Hannover kommen
in ihrer “Deutschland-Studie 2019” zu der Einschätzung, dass in Deutschland
ungenutzte Reserven für über 2 Mio. zusätzliche Wohnungen bestehen. Sie
empfehlen eine konsequentere Nutzung vorhandener Gebäude, insbesondere von
Nicht-Wohngebäuden. Zusätzliche Wohnungen könnten durch Aufstockung auf
Dächern und durch den Komplettumbau in Geschäftshäusern, alten Fabriken,
Bürokomplexen und weiteren Gebäuden geschaffen werden. Konkrete Zahlen
dazu sollen auf einer Pressekonferenz am 27. Februar in Berlin bekannt gegeben
werden.

Aufstocken

Jahrelang hieß es auch aus dem Rathaus, wenn wir das Stichwort Aufstocken aussprachen: “Haha, geht gar nicht, zu viele Hindernisse!” Nun macht es die Stadtbau in der Belchenstr. 12-34 eindrücklich vor, wie und dass es geht: 24 zusätzliche Wohnungen durch Aufstocken! Und es resultieren bezahlbare Mieten! Kalt 8,40 €/qm und warm ca. 8,90 €/qm im aufgestockten Teil; kurze Bauzeit, das Ganze ohne öffentliche Förderung, ginge also in den Mietspiegel ein, gefördert läge die Miete sogar 20–30 % niedriger (für die Modernisierungsmaßnahmen an den bereits bestehenden drei Stockwerken standen Landes- und Bundesfördermittel aus dem Programm Soziale Stadt zur Verfügung bzw. wurden beantragt, die Kosten für die Gebäudeaufstockung waren hingegen nicht förderfähig, siehe G-17/201).

Leider findet sich dazu im Amtsblatt vom 28.09.2018 (Bildnachweis: A. J. Schmidt) die Zusatzbemerkung: “die aufgestockten Wohnungen seien so teuer wie sonstige Neubauten”. Das ist irreführend, wenn nicht gar Meinungsmache, man sollte da schon konkrete Zahlen nennen. Wir haben diese Zahlen: sowohl eine Führung der Stadtbau im Juni 2018 als auch ein Bericht der BZ bestätigen eine Miethöhe von 8,4 €/qm kalt (ohne öffentliche Förderung; zuzüglich Heizung + Warmwasser unter 0,5 €/qm Monat). Im Vergleich seien die Neubauwohnungen im Güterbahnhof Nord genannt: da zahlt man derzeit Kaltmieten von 16 €/qm.
In Bonn, bei fast identischen Gebäuden, ergab sich nach Aufstocken eine Miete von 7,9 €/qm, siehe BBSR-Feldstudie.

Wie oben bereits ausgeführt setzen sich neuerdings auch die baden-württembergischen Grünen für die Aufstockung von Gebäuden ein. Nur Stadtverwaltung Freiburg und Lokalpresse verhöhnen weiterhin jede Rede vom Aufstocken. Wie zum Beispiel in der Pressemitteilung der Stadt vom 23.07.2018: „Um den jetzt schon anhaltenden Wohnungsmangel und den damit steigenden Mieten entgegenzuwirken, brauchen wir den Stadtteil Dietenbach. Denn die auch sehr wichtigen wohnungspolitischen Maßnahmen wie das Zweckentfremdungsverbot, die  Mietpreisbegrenzungsverordnung oder die Kündigungssperrfrist bei Wohnungsumwandlungen in Eigentumswohnungen reichen allein nicht aus“, bekräftigt Baubürgermeister Martin Haag. Auch eine Nachverdichtung, die Aufstockung von Gebäuden, der Ausbau von Dachwohnungen oder die Überbauung der Güterbahnlinie scheitern nicht nur an den Grundstückseigentümern, die einen derart umfangreichen Ausbau nicht wollen, sie schaffen darüber hinaus auch keinen bezahlbaren Wohnraum.”

Wie Marc Ullrich, Vorstandsvorsitzender des Bauverein Breisgau eG, bei seinem Vortrag am 23.06.2018 beim Samstags-Forum ausführte, plant auch der Bauverein, mit dem Aufstocken zu beginnen, nämlich in der Lichtenbergstr. 3-5 in Freiburg-Betzenhausen:

Beispiel aus Bonn, Fertigstellung 2014 (Bauherr und Fotonachweis: Gemeinnützige Wohnungsgenossenschaft Bonn e.G.):

Beispiel aus Köln, Fertigstellung 2009 (Bauherr und Fotonachweis: Gemeinnützige Wohnungsgenossenschaft Köln-Sülz e.G.):

Beispiel aus Berlin, Fertigstellung 2016 (Bauherr und Fotonachweis: degewo ag, Berlin):

Aufstocken mit Komplettmodulen in Basel

Nach oben wachsen soll auch Basel. Eine Kampagne der Jusos Basel Stadt heißt „Basels Dächer“. Sie setzt auf die Aufstockung durch vorgefertigte Komplettmodule aus Holz … Vorzeigebeispiel: ein Projekt der Genossenschaft Wohnstadt in der Homburger Straße, wo man das Aufsetzen der Holzmodule innerhalb eines Tages umsetzte. „Mittels vorfabrizierter Holz-Module könnte in Basel innert kurzer Zeit ein erheblicher Anteil neuer Wohnungen geschaffen werden“, heißt es bei den Jusos (Quelle).

Platz besser nutzen

Parkplatzfläche zwischen Regierungspräsidium (5-Stoecker rechts) und Amt für Migration (6-Stoecker links) entlang der Stadtbahnlinie-Linie 1 bei der Haltestelle Runzmattenweg – wäre hier nicht auch Wohnbau möglich?

Platz besser nutzen und Dachgeschosse ausbauen

Ein vielversprechendes Projekt ist “Quartier 5” in Müllheim:  104-110 neue Mietwohnungen à ca. 8,50 €/qm, nachverdichtender Neubau in günstiger Bauweise, Dachgeschossausbau im Bestand, reduzierter Stellplatzschlüssel.

Platz besser nutzen und anbauen

Hier ein Beispiel aus Freiburg: Auf der Hardt  (Aufnahme: Susanne Schlatter)

 

Platz besser nutzen: Abriss dreigeschossiger Wohnblock, langer Neubau à 6 Geschosse

ECA-Siedlung Haslach, zwischen Basler Straße, Müllheimer Straße, Schildackerweg und Neuenburger Straße, Freiburger Stadtbau, erster Bauabschnitt. Am Ende wird es dort doppelt so viele Wohnungen geben wie bislang, erstmalig will die FSB auch Wohngebäude in Holzbauweise errichten (Quelle).(Aufnahmen: Susanne Schlatter)

links der Neubau, rechts noch ein altes Gebäude

vorne noch ein altes Gebäude, hinten der Neubau

Platz besser nutzen, modulares Bauen in Holz

Flüchtlingsunterkunft in Winnenden: Modul als Modell?

10.01.2017  Deutsche Bauzeitung 02/2017
Werner Sobek hat gemeinsam mit den fischer-Werken ein Unternehmen gegründet, das vorgefertigte Wohnboxen anbietet. Die Module sind leicht, sollen schnell und preiswert zu errichten sein und lassen sich komplett recyceln. Das erste realisierte Projekt, eine Flüchtlingsunterkunft, zeigt das große Potenzial dieses Bausystems. Aber auch seine Grenzen.

Wohnmodule, die komplett vorgefertigt mit wenigen Tagen Bauzeit vor Ort aufgestellt, beliebig erweitert und komplett zurückgebaut/recycelt werden können – die Wohnfläche ist sehr gering: ca. 45 qm für zwei oder 60 qm für vier Personen. Die günstigste Variante der Wohnboxen trägt eine Bekleidung aus Lärche., andere Materialien und Fensterformate sind gegen Aufpreis möglich.
Foto: Zooey Braun, Stuttgart

Tiny Houses für Basel

Basel soll Platz schaffen für platzsparende Wohnformen -„Tiny Houses“, das sind Wohneinheiten, deren Bewohner sich „auf ein Minimum an Wohnfläche beschränken“. Wohneinheiten, die ihren jeweiligen Bewohnern gehören und mitziehen, wenn diese den Ort wechseln. Von einer zwischengenutzten Fläche auf die nächste beispielsweise … (Der Sonntag 06.01.2019)

Mini-Häuser auf Berliner Dächern

07.08.2018   Berliner Zeitung
Die Zukunft des Wohnens? Start-up will Mini-Häuser auf Berliner Dächer bauen

 

 

Der Umbau einer einfachen 50er-Jahre-Zeile in Bremerhaven

21.01.2019   Deutsche Bauzeitung
Schlichtwohnbauten in Bremerhaven: Preiswert Lebensraum schaffen

Der Umbau einer einfachen 50er-Jahre-Zeile in Bremerhaven zeigt, wie sich Wohnraum im Bestand barrierefrei erschließen lässt, ohne anschließend die Mieten in die Höhe zu treiben … Wie andernorts fehlt auch in Bremerhaven preisgünstiger und moderner Wohnraum. Viele Gebäude dort stammen aus der Nachkriegszeit, vor allem aus den 50er Jahren, denn im Krieg war die Stadt stark zerstört worden. Auch etwa 2500 Mieteinheiten der städtischen Wohnungsgesellschaft STÄWOG befinden sich im Baubestand aus jener Zeit.

Überbauen

Es folgen Beispiele aus wirklich großen Städten, die sich nicht so ohne Weiteres auf Freiburg übertragen lassen – trotzdem sind sie es wert, mal hinzuschauen, um danach mit neuem Blick durchs Freiburger Stadtgebiet zu schlendern …

Hier ein Beispiel zum Thema Überbauen: Berlin: Schlangenbader Straße 1-10 – Überbauung der Stadtautobahn mit 1.000 Wohnungen, errichtet 1977, seit Dezember 2017 unter Denkmalschutz (Bildnachweis: Unternehmensgruppe Krebs GmbH & Co. KG – Berlin)

Zürich: Kalkbreite – Überbauen des Straßenbahndepots
Die schweizerische Genossenschaft Kalkbreite baute bis 2014 im Zentrum von Zürich – neben dem Bahnhof – eine große Siedlung direkt über dem Straßenbahndepot Kalkbreite mit bezahlbaren Wohnungen für 500 Menschen. Das Grundstück wurde für 99 Jahre von der Stadt gepachtet.
Zu sehen im Video „Wie wollen wir leben? – Wohnen auf wenig Raum„ (2018) – zwischen ca. 25ʼ und 29ʼ. Und zu lesen direkt auf der Seite der Genossenschaft

Zürich: Zollhaus
Diese Genossenschaft baut jetzt bis 2020 auch in Zürich ein zweites  „ähnliches“ Projekt „Das Zollhaus“ mit 56 Wohnungen.

Berlin: Überbauen von ALDI-Filialen
In den nächsten Jahren will Aldi Nord bis zu 2000 Wohnungen auf etwa 30 Discountermärkten in Berlin errichten. Die Gebäude entstehen als Aufbauten auf bereits bestehende ALDI-Filialen auf zentral gelegenen Grundstücken in der Innenstadt. Geplant ist ein Sozialwohnungsanteil von 30 Prozent. Der erste Bau im Stadtteil Lichtenbergmit  etwa 50 Wohnungen könne bereits im Laufe des Jahres 2019 fertiggestellt werden.

Jetzt kommt die Billig-Wohnung von Aldi (Welt 31.01.2018, Video 1:45 min)

München: Über einem Parkplatz ein Haus auf Stelzen
Anschließend im gleichen Video (4:40 bis 9:00) ein Beispiel aus München: Am Münchner Dantebad wurden durch die Überbauung eines Parkplatzes innerhalb eines Jahres 100 neue bezahlbare Wohnungen geschaffen. Auf einem städtischen Parkplatz wurde ein Haus auf Stelzen gebaut. Das Grundstück bleibt weiterhin ein Parkplatz (fast wie eine Garage). Gebaut wurde es von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft „Gewofag“ in schneller, modularer Bauweise auf Holzbasis.

© Sigi Jantz

Dieses Haus des Bauunternehmers Ernst Böhm in Bad Aibling gilt als Vorbild für das Münchner Projekt. Foto: Photografie Peter Hinz-Rosin

 

Köln, Innenstadt: “Magnus 31” – 31 Wohnungen auf einem Parkhaus
Aufstockung auf dem Parkhausdach mit 2 bzw. 3 geschosshohen Riegeln,  ein begrünter Innenhof  entsteht, der Parkgaragen-Betrieb bleibt.

© Wilkin&Hanrath Bauphasen

Ulm: Unerschlossenes Bauland darf ausschließlich an die Stadt verkauft werden

Im gleichen Video (9:00 bis 11:00): Ulm hat seit 120 Jahren (!) ein Gesetz, das verbietet, mit Grund und Boden zu spekulieren.

Das „Münsteraner Modell“…

… (offiziell heißt es: „Sozialgerechte Bodennutzung Münster“) wäre ein sehr effektives Instrument, um die Wucherung der Grundstücks- und Mietpreise zu steuern und zu stoppen – oder zu bremsen. Dies bedarf aber kommunaler politischen Entscheidungen. Ein Beispiel des Modells: „Es bekommt in Münster künftig nur noch derjenige ein Grundstück von der Stadt, der die niedrigsten Startmieten bietet. Verkauft werden die Grundstücke nicht nach dem Höchstgebot. Es bekommt derjenige das Baugrundstück, der vorher schriftlich zusagt, das Grundstück für die niedrigste Startmiete anzubieten.“ Weitere Informationen hier oder hier.

Holzbauweise

Aufsehenerregendes innovatives Beispiel für den flächensparenden Bau von urbaner Gewerbefläche: HoHo Wien, Hochhaus in Holz-Hybridbauweise, Architekturbüro RLP Rüdiger Lainer + Partner mit den Tragwerksplanern Woschitz Group, bezugsfertig 2019

(Bildnachweis: © HoHo Wien und HoHo Next cetus Baudevelopment GmbH und Rüdiger Lainer und Partner Architekten ZT GmbH)

Noch eine Bemerkung zum Schluss: Wir kritisieren zwar die Pläne für Dietenbach – aber sind es nicht Stadtverwaltung und Gemeinderat, die in der Pflicht sind, kreative Lösungen finden und eingefahrene Denkmuster verlassen zu müssen? DIE Lösung präsentieren WIR Ihnen nicht. DIE gibt es nicht.
Diese Einsicht finden wir inzwischen auch bei der Stadtverwaltung, sie scheint unsere Ansicht zu teilen: “Dabei liegt es auf der Hand, dass es NICHT die EINE Maßnahme gibt, die wohnraumpolitischen Herausforderungen zu lösen.” (Drucksache G-18/234)

März 2020 – auch dies ist eine Alternative:  Die Postwachstumsstadt

Städte ohne Wachstum – eine bislang kaum vorstellbare Vision. Doch Klimawandel, Ressourcenverschwendung, wachsende soziale Ungleichheiten und viele andere Zukunftsgefahren stellen das bisherige Allheilmittel Wachstum grundsätzlich infrage. Wie wollen wir heute und morgen zusammenleben? Wie gestalten wir ein gutes Leben für alle in der Stadt? In dem Buch “Postwachstumsstadt. Konturen einer solidarischen Stadtpolitik” soll eine längst fällige Debatte darüber angestoßen werden, wie sich notwendige städtische Wenden durch eine sozialökologische Neuorientierung vor Ort verwirklichen lassen.